Autorin: Prof. Dr. Sabine Kühnert

Fragebogen

Kurzbeschreibung

Beim Fragebogen handelt es sich um ein vollstandardisiertes schriftliches Erhebungsverfahren. Es kann gut eingesetzt werden zur Erfassung von Meinungen und Einstellungen zu einzelnen Maßnahmen z. B. „Wie gut fühlen Sie sich über die Angebote im Stadtteil informiert?“ „Würden Sie sich am Aufbau eine Reparatur Cafés beteiligen?“ „Kennen Sie die ‚Nachbarschaftsstifter‘ in ihrem Stadtteil?“ Zu beachten ist dabei, dass selbst wenn die Beteiligung an einer Maßnahme bejaht wird, nicht auf eine tatsächliche Nutzung des Angebotes rückgeschlossen werden kann.  D. h. Fragebögen eignen sich nicht zur Erfassung von tatsächlichem Nutzungsverhalten.

Einsatzmöglichkeiten und Voraussetzungen

  • Fragebögen eignen sich gut zur Erfassung einfacher Sachverhalte. Da durch das standardisierte Instrument Vergleiche gut möglich sind, können Veränderungen in Einstellungen und Verhalten als Folge einzelner Quartiersmaßnahmen durch Vorher-Nachher Vergleiche gut erhoben werden.
  • Schwierigkeiten bestehen bei schreibungewohnten Befragten und Personen mit geringen Deutschkenntnissen. Hier ist ggf. eine mündliche Befragung zu bevorzugen.
  • Fragebögen beinhalten unterschiedliche Fragentypen, wobei zur Erleichterung der Auswertung überwiegend geschlossene Fragen (ja- nein Antworten, Fragen mit Listen möglicher Antworten oder Bewertungsskalen z. B. Schulnoten oder Smileys) formuliert werden.
  • Um Fragen formulieren zu können, benötigen Sie größtmögliche Klarheit über das, worüber Sie Auskünfte und Daten von der Befragung erwarten. Im Kontext von WINQuartier geht es um Wirkungen und Veränderungen. Es geht also weniger um Wünsche und allgemeine Einschätzungen, sondern um Fragen, die Sie an Hand Ihrer formulierten Ziele und Indikatoren entwickeln.
  • Wenn Sie keine Idee haben, was Antwortmöglichkeiten für eine Frage sein könnten, ist diese Frage nicht gut für einen schriftlichen Fragebogen geeignet. Denn, wenn Sie keine Antwortmöglichkeiten vorgeben können, müssten die Befragten ihre Antworten ausformulieren. In der Regel werden sogenannte offene Fragen nur selten ausführlich beantwortet. Außerdem ist die Auswertung der offenen Fragen sehr viel aufwändiger. Sie können die Antworten nicht einfach auszählen, sondern müssen alle Antworten erst einmal inhaltlich ordnen und sich einen Überblick verschaffen. Je nachdem, wie viele offene Fragen Sie in Ihrem Fragebogen nutzen und wie viele Personen an Ihrer Befragung teilnehmen, kann der Zeitaufwand für die Auswertung also sehr schnell steigen. Überlegen Sie also gut, ob sich der Aufwand auch wirklich lohnt, mit offenen Fragen zu arbeiten und ob Sie an der ein oder anderen Stelle auf eine offene Frage verzichten können.

Hinweise zu Gestaltung und Anwendung

  • Jeder Fragebogen startet mit einer Einleitung. Erklären Sie kurz den Inhalt und Ziel der Befragung. Warum ist Ihnen die Teilnahme wichtig? Was haben Sie vor? Am Ende der Einleitung könnte ein erstes Dankeschön für die Teilnahme stehen sowie Ihre Kontaktdaten. Wo kann man sich melden, wenn man Fragen beim Ausfüllen hat?
  • Strukturieren Sie Ihren Fragebogen und teilen Sie Ihre Fragen in Themenblöcke ein. So ergibt sich für Sie, aber auch für die zu Befragenden eine gute Übersicht. Nutzen Sie unterschiedliche Fragentypen und bringen Sie so Abwechslung in den Fragebogen.
  • Die Antwortmöglichkeiten zu einer Frage befinden sich immer auf einer Skala. Unterschieden werden:
    • Nominalskalen, z. B. die Angabe des Geschlechts,
    • Ordinalskalen, z. B. die Rangordnung zur Ermittlung der Präferenz für bestimmte Aufenthaltsorte im Quartier,
    • Intervallskalen, z. B. Likertskalen zur Erfassung der Qualität eines Angebots (z. B. sehr gut | gut | einigermaßen | schlecht | sehr schlecht).
  • Formulieren Sie einfache Fragen und Antwortmöglichkeiten und vermeiden Sie Suggestivfragen.
  • Fragen Sie nur einen Sachverhalt pro Frage ab.
    • Negativbeispiel: Haben Sie eine Mobilitätseinschränkung und welche Fortbewegungsmöglichkeiten nutzen Sie?
    • Korrektur: Aufteilung in zwei Fragen. 1) Haben Sie eine Mobilitätseinschränkung? 2) Welche Fortbewegungsmöglichkeiten nutzen Sie?
  • Am Ende der Befragung: Ein Schlusswort ist zu überlegen! Neben einem Dankeschön könnten Sie z. B. auch schreiben, wie Sie mit den Ergebnissen weiterarbeiten und wann die Ergebnisse vorgestellt werden. Auch denkbar: Wo soll der ausgefüllte Fragebogen nun abgegeben werden?  
  • Bei allen inhaltlichen Überlegungen zu Fragen: Vergessen Sie nicht das Layout! Was spricht die zu Befragenden an? Welche Farben und welche Schriftgrößen wollen Sie nutzen? Mit welchen Bildern können Sie arbeiten? Welche Logos müssen sichtbar sein?
  • Es gilt: Schon bei der Entwicklung des Fragebogens müssen Sie die Art der Auswertung mitdenken. Welche Möglichkeiten haben Sie, einen Fragebogen auszuwerten? Arbeiten Sie mit Excel? Oder gar mit dem statistischen Auswertungsprogramm SPSS? Kennen Sie jemanden, der Sie bei der Auswertung unterstützen kann (z. B. Kollegen und Kolleginnen, Hochschulen, Universitäten, …), welche Form der Ergebnisdarstellung ist für Sie brauchbar?
  • Häufig gibt es geringe Rücklaufquoten (ca. 30%), deshalb ist die Befragtenstichprobe hinreichend groß anzulegen und Nachfassaktionen (z. B. Erinnerungsbriefe) einzuplanen.
  • Welche Kosten können bei der Befragung mit einem Fragebogen entstehen? – Das ist natürlich nicht pauschal zu sagen und hängt auch davon ab, wer den Fragebogen ausfüllen soll und wie Sie den Fragebogen verteilen wollen (z. B. postalisch versenden, per E-Mail oder als Online-Befragung, …?). Wir möchten Ihnen ein paar Denkposten mit auf den Weg geben:
    • Versand der Fragebögen: Porto für das Versenden plus ggf. leere Briefumschläge und Porto, dass die Befragten den Fragebogen auch zurückschicken können.
    • Nachfassaktionen und Erinnerung: Auch hier benötigen Sie ggf. Porto. Wenn Sie die Befragten telefonisch erinnern wollen/können, erhöht sich natürlich der Zeitfaktor.
    • Wenn Sie Bilder in Ihrem Fragebogen zur Illustration nutzen: Verfügen Sie über die Lizenzen und Bildrechte? Eine kostenfreie Bilddatenbank zum Stöbern ist z. B. pixelio (https://www.pixelio.de/).
    • Druckkosten für den Fragebogen.
    • Anschaffung eines Auswertungsprogramms, wenn noch nicht vorhanden.
  • Testen Sie den Fragebogen in einem kleinen Probelauf (Pretest). Befragen Sie der Zielgruppe ähnliche Personen und lassen Sie sich Rückmeldungen zu dem Fragebogen geben: Sind die Fragen verständlich gestellt? Ist der Fragebogen übersichtlich? Wie lange dauert das Ausfüllen?

Weiterführende Literatur

Hollenbeck, St. (2016). Fragebögen. Fundierte Konstruktion, sachgerechte Anwendung und aussagekräftige Auswertung. Wiesbaden: Springer VS Verlag.

Lüdders, L. (2016). Fragebogen und Leitfadenkonstruktion. Bremen: Appolon University Press.