Autorin: Prof. Dr. Sabine Kühnert

Interview

Kurzbeschreibung

Als Interview werden mündliche Erhebungsverfahren anhand eines vorab erstellten Interviewleitfadens zur Gesprächssteuerung bezeichnet.

Es lassen sich je nach Strukturierungsausmaß verschiedene Formen und Bezeichnungen für Interviewverfahren unterscheiden:

Beim offenen oder narrativen Interview gibt es keine inhaltlichen Strukturierungsvorgaben durch einen Leitfaden. Da es nur die subjektive Wahrnehmung und Bewertung von Ereignissen erfasst, ist es zur Erfassung von Wirkungszusammenhängen wenig geeignet. Es wird überwiegend zur Erfassung lebensgeschichtlich bedeutsamer Ereignisse z. B. der Bewältigung individuell bedeutsamer Lebensereignisse eingesetzt.

Das teilstrukturierte Interview enthält Vorgaben zu Themen und Fragestellungen. Die Reihenfolge und genaue Formulierung der Fragen sind nicht exakt festgelegt, sondern orientieren sich am Befragungsverlauf, um dadurch Vergleichbarkeit bei gleichzeitiger Offenheit für neue Themenbereiche sicherzustellen. Es werden überwiegend offene Fragen gestellt, die zum Erzählen anregen sollen, ergänzt um vertiefende Nachfragen.

Das standardisierte Interview beschreibt die mündliche Anwendung eines Fragebogens. Wie bei einem Fragebogen sind Art und Reihenfolge der Fragen festgelegt. Der Vorteil gegenüber einer schriftlichen Befragung besteht in der besseren Kontrolle der Erhebungssituation und der Möglichkeiten bei Unklarheiten Erläuterungen abzugeben.

Einsatzmöglichkeiten und Voraussetzungen

  • Das teilstrukturierte Interview ist die für die Erfassung von Wirkungszusammenhänge oder Durchführung von Experteninterviews am besten geeignete Methode.
  • Es gibt verschiedene Arten teilstrukturierter Interviews z. B. problemzentriertes Interview, fokussiertes Interview, Experteninterview, die sich in ihrer Zielsetzung und dem Vorgehen jedoch ähneln.
  • Teilstrukturierte Interviews sind geeignet zur Erfassung subjektiver Sichtweisen, Meinungen und Befindlichkeiten des Befragten und zur Erkundung neuer Sachverhalte (z. B. welche Probleme werden im Quartier gesehen, wie wird ein Angebot bewertet, was fehlt.). So könnten z. B. bei einer Nutzerbefragung mithilfe eines teilstrukturierten Interviews die Motive für den Besuch einer Veranstaltung, die Wünsche und Erwartungen und die Bewertung der Maßnahme erfasst werden. Dabei besteht im Unterschied zum Fragebogen und zum standardisierten Interview die Möglichkeit vertiefend nachzufragen oder auf neue Themen, die der Befragte anspricht, genauer einzugehen.
  • Durch die flexible Handhabung des Interviewleitfadens kann die Datenerhebung gut an die individuelle Interviewsituation angepasst werden. Gleichzeitig ermöglicht der Interviewleitfaden  eine Vergleichbarkeit der erfragten Bereiche, da jede/-r Befragte die gleichen Hauptfragen gestellt bekommt.
  • Die genaue Erfassung differenzierterer subjektiver Sichtweisen von Bedarfslagen, zu Angebotsbewertung und Nutzungsverhalten ist vor allem bei geringen Vorinformationen gut möglich.
  • Durch den direkten Kontakt zwischen Interviewer und Interviewten wird die Auskunftsbereitschaft des Befragten erhöht. Allerdings besteht auch die Gefahr der Beeinflussung durch den Interviewer, wenn z. B. unbewusst  bestimmte Antworttendenzen durch Nicken oder Zustimmung verstärkt werden oder vom Leitfaden abgewichen wird.
  • Aufgrund des höheren Zeit- und Personalaufwand bei der Datenerhebung und Datenauswertung ist das Interview nur für kleinere Befragtengruppen geeignet.

Hinweise zu Gestaltung und Anwendung

  • Bei Interviewdurchführung ist zu berücksichtigen, dass der Interviewer in der Regel ein höheres Interesse am Interview hat als die Interviewten. Daher ist die Auskunftsbereitschaft zu erhöhen, indem z. B. die Bedeutung der Antworten oder die Expertise des Befragten betont werden.
  • Der erhöhte Zeit- und Personalaufwand zur Interviewerschulung, Interviewdurchführung und -auswertung ist bei der Planung der Evaluation zu berücksichtigen.
  • Vorab ist das Verfahren zur Datendokumentation (schriftliches Protokoll oder Audioaufnahme und Transkription – 1 Std. Interview ca. 5-8 Std Transkription) festzulegen, um den Zeit- und Kostenaufwand zur Interviewdurchführung besser einschätzen zu können.
  • Vor der eigentlichen Interviewdurchführung ist ein Pretest des Interviewleitfadens zur Prüfung der Angemessenheit und Verständlichkeit der Fragen unabdingbar. Dieser Pretest sollte mit Personen durchgeführt werden, die der eigentlichen Befragtenstichprobe ähneln. Die Ergebnisse des Pretests werden nicht in die eigentliche Untersuchung mit einbezogen.
  • Die Zugangsmöglichkeiten zu den Befragten sind abzuklären, um die Gefahr einer selektiven Auswahl zu verringern. Nutzer einer Seniorenbegegnungsstätte können z. B. vielleicht leicht für ein Interview gewonnen werden, repräsentieren jedoch nicht die Gesamtgruppe älterer Menschen im Quartier. Um einen Zugang zu schwer befragbaren Gruppen zu erhalten, wie z. B. zurückgezogene ältere Alleinlebende, können vertrauenswürdige Schlüsselpersonen wie z. B. Hausärzte oder Mitarbeiter ambulanter Pflegedienste als Vermittler angefragt werden.   
  • Zur Wahrung des Datenschutzes ist die Anonymität bei Interviewauswertung und Ergebnisverwertung zu gewährleisten.
  • Interviews können auch telefonisch durchgeführt werden.

Weiterführende Informationen

Döring, N. & Bortz, J. (2016). Forschungsmethoden und Evaluation. Berlin: Springer Verlag.

Lüdders, L. (2016). Fragebogen und Leitfadenkonstruktion. Bremen: Appolon University Press.

Mayring, Ph. (2002). Einführung in die qualitative Sozialforschung. Weinheim: Beltz.