Autor: Dieter Zisenis

Sozialräumliche Methoden im Rahmen von wirkungsorientierter Selbstevaluation

Kurzbeschreibung

Sozialräumliche Analyse- und Beteiligungsmethoden sind partizipatorische Forschungsmethoden, die bereits bei der Erstellung von Sozialraum- und Lebensweltanalysen die Perspektive der Bewohnerinnen und Bewohner in den Mittelpunkt stellen. Gleichzeitig werden sie für die Aktivierung und Initiierung von konkreten Stadtteilprojekten genutzt, bei denen die Bewohnerinnen und Bewohner ebenfalls Verantwortungsrollen übernehmen. Gegenstand der Untersuchung sind insbesondere die Aneignung von Öffentlichen Räumen, die Nutzungs- bzw. Meidungsmuster, die Ermöglichung von sozialen Kontakten, die Entstehung und Pflege sozialer Netzwerke, aber auch Zugangsbarrieren zu relevanten Orten im Quartier.

Inzwischen häufig etablierte Methoden sind beispielsweise die

  • Nadelmethode,
  • Stadtteilbegehungen,
  • strukturierte Stadtteilbegehungen,
  • Subjektive Landkarten,
  • Individuelle Infrastrukturtabellen,
  • strukturierte Sozialraumtagebücher oder
  • Netzwerkkarten.

Bei einzelnen Methoden werden neben den Bewohnerinnen und Bewohnern auch professionelle Akteure und Schlüsselpersonen im Quartier einbezogen. 

Einsatzmöglichkeiten und Voraussetzungen

Die sozialräumlichen Methoden können im Kontext einer wirkungsorientierten Selbstevaluation eingesetzt werden, wenn folgende Aspekte berücksichtigt werden, wie sie auch im Tutorial zur wirkungsorientierten Selbstevaluation beschrieben werden:

  • Klar formulierte Wirkungsziele und Indikatoren.
  • Vorher-Nachher-Vergleich. Mit einer wirkungsorientierten Selbstevaluation kann ermittelt werden, ob und in welchem Umfang festgelegte Ziele erreicht wurden. Ein einfacher Soll-Ist-Vergleich am Ende einer Maßnahme sagt noch nichts über Wirkungen aus. Die sozialräumlichen Methoden werden in WINQuartier also nicht zur Analyse der Ausgangssituation etwa im Rahmen einer Sozialraumanalyse, sondern als Datenerhebungsmethoden zu mehreren Zeitpunkten genutzt, um Veränderungen und Wirkungen über einen festgelegten Zeitraum darstellen zu können.
  • Vergleich zwischen einer Interventions- und Vergleichsgruppe. Im Schritt 6 des Tutorials zur wirkungsorientierten Selbstevaluation werden die Möglichkeiten und Grenzen benannt, im Rahmen einer Selbstevaluation mit einer Vergleichsgruppe zu arbeiten. Die dort genannten Hinweise gelten auch für den Einsatz sozialräumlicher Methoden.

Im Rahmen der wirkungsorientierten Selbstevaluation kann die Erstellung von strukturierten Sozialraumtagebüchern, subjektiven Landkarten und Individuellen Infrastrukturtabellen mit der jeweiligen Teilnehmendengruppe zu einem zweiten Zeitpunkt wiederholt werden (z.B. nach einem Jahr, nach 18 Monaten). In der gemeinsamen Reflexion könnten dann sowohl Veränderungen herausgearbeitet werden und auf mögliche Wirkfaktoren hin untersucht werden (z.B. erleichterte Zugänglichkeit von Öffentlichen Räumen und Orten durch bauliche Veränderungen wie Bordsteinabsenkungen und Rampen, neue Begegnungsorte, neue Unterstützungssysteme bei Mobilitätseinschränkungen, aber auch veränderte individuelle Ressourcen).

Sozialräumliche Methoden eignen sich insbesondere

  • als aktivierende Methoden, die eine aktive, praktische Beteiligung der Nutzerinnen und Nutzer sowohl initiieren und unterstützen als auch voraussetzen.
  • für eine gemeinsame Reflexion mit den Nutzerinnen und Nutzern. Die etwa in den Sozialraumtagebüchern, subjektiven Landkarten oder Netzwerkkarten erhobenen Daten werden gemeinsam ausgewertet und diskutiert.
  • als Ergänzung zu leitfadengestützten Interviews, da sie vielfältige Darstellungs- und Visualisierungsmöglichkeiten der Nutzerinnen- und Nutzerperspektive und damit für eine vertiefte Deutung und Interpretation bieten.

Hinweise zur Gestaltung und Anwendung

Im Folgenden werden Beispiele für sozialräumliche Methoden kurz benannt. Über entsprechende Links finden Sie dann detaillierte Informationen zur konkreten Gestaltung und Anwendung.

Mit dem strukturierten Sozialraumtagebuch kann das alltägliche Nutzungsverhalten bestimmter Zielgruppen im Quartier dokumentiert werden. In der Form des strukturierten Sozialraumtagebuches werden bestimmte Kriterien vorgegeben, wie zum Beispiel Anlass, Zeitraum, Ort / Ziel, Kontakte, Eindrücke und (dazu genutzte) Verkehrsmittel, um die Bewegungs- und Nutzungsräume sowie die Kontakte einer bestimmten Zielgruppe im Quartier zu erfassen.

Links:
Alisch, M. (2013). Sozialraum- und Netzwerk-Tagebücher. In: sozialraum.de (5) Ausgabe 1/2013. Online verfügbar.

van Rießen, A. & Bleck, C. (2013). Zugänge zu ‚Möglichkeitsräumen für Partizipation’ im Quartier? In: sozialraum.de (5) Ausgabe 1/2013. Online verfügbar.

Erfahrungen mit der Methode
Anwendungserfahrungen wurden im Rahmen des Forschungsprojekts SORAQ (Soziale Ressourcen für altersgerechte Quartiere) der Hochschule Düsseldorf für sechs ausgewählte Düsseldorfer Stadtteile beschrieben. Für zwei dieser Stadtteile liegen Erfahrungsberichte vor:

Bei der Methode der subjektiven Landkarte gestalten die Teilnehmenden eine persönliche Landkarte ‚ihres Quartiers‘, in der die für sie subjektiv bedeutsamen Lebensräume im Stadtteil eingetragen werden.

Link:
van Rießen, A. & Bleck, C. (2013). Zugänge zu ‚Möglichkeitsräumen für Partizipation’ im Quartier? In: sozialraum.de (5) Ausgabe 1/2013. Online verfügbar.

Die Individuelle Infrastrukturtabelle bietet eine weitere Möglichkeit das alltägliche Nutzungsverhalten bestimmter Zielgruppen im Quartier zu dokumentieren. Dabei werden bestimmte Infrastrukturbereiche wie zum Beispiel „Einkaufen und Versorgung“ oder „Bildung und Kultur“ in eine Tabelle eingetragen und bestimmte Orte im Quartier nach Häufigkeit der Nutzungsart zugeordnet.

Link:
van Rießen, A. & Bleck, C. (2013). Zugänge zu ‚Möglichkeitsräumen für Partizipation’ im Quartier? In: sozialraum.de (5) Ausgabe 1/2013. Online verfügbar.

Soziale Netzwerke und Unterstützungssysteme im Stadtteil, im Quartier spielen besonders für Personen mit einem besonderen Pflege- und Unterstützungsbedarf und Mobilitätseinschränkungen eine Rolle. Mit der Netzwerkkarte können solche Beziehungs- und Unterstützungssysteme visualisiert und zum Gegenstand von gemeinsamen Reflexionen gemacht werden. In den meisten Fällen wird das Erstellen einer Netzwerkkarte in ein teilstrukturiertes Interview integriert.

Eine ausführliche Beschreibung zur Netzwerkkarte finden Sie hier.


  • Corsten, M. (2007). Lokales Sozialkapital und soziale Kognitionen über die eigene Stadt. Eine Annäherung am Beispiel des Bürgerschaftlichen Engagements. In: Sozialwissenschaftliches Journal, Jg. II, Heft 2/2007, S. 60 – 83
  • Corsten, M. (2009). Lokales Sozialkapital als sozial-moralische Landkarte – Subjektive Visualisierungen der eigenen Stadt. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 22, Heft 3, S. 88 – 99
  • Herz, A. (2012). Ego-zentrierte Netzwerkanalysen zur Erforschung von Sozialräumen. In: sozialraum.de (4) Ausgabe 2/2012. Online verfügbar.
  • Hoefer, R., Keupp, H. & Straus, F. (2006). Prozesse sozialer Verortung in Szenen und Organisationen – ein netzwerkorientierter Blick auf traditionelle und reflexiv moderne Engagementformen. In: Betina Hollstein, Florain Straus (Hrsg.). Qualitative Netzwerkanalyse. Konzepte, Methoden, Anwendungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 267 - 294
  • Hollstein, B., Pfeffer, J. (2010). Netzwerkkarten als Instrument zur Erhebung egozentrierter Netzwerke. In: Hans-Georg Soeffner, Kathy Kursawe, Margrit Elsner, Manja Adlt (Hrsg.), Herausforderungen gesellschaftlicher Transformationen. Verhandlungen des 34. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Jena 2008. Bd. 1 u. 2, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 13 Seiten. Online verfügbar.
  • Knopp, R., Rießen, A. van (2014). Altersgerechte Wohnquartiere – sozialräumliche Methoden als Partizipations- und Beteiligungsinstrumente. In: Monika Alisch (Hrsg.), Älter werden im Quartier: Soziale Nachhaltigkeit durch Selbstorganisation und Teilhabe. Kassel university press: Kassel
  • Reutlinger, C., Lingg, E., Sommer, A., Stiehler, S. (2010). Neue Nachbarshaften in der S5-Stadt: Von der Metamorphose der nachbarschaftlichen Beziehungen im Quartier. In: ETH Wohnforum – ETH Case (Hrsg.). S5-Stadt. Agglomeration im Zentrum. Forschungsberichte. Online verfügbar.
  • Rießen, A. van, Bleck, C. (2013). ‚Möglichkeitsräumen für Partizipation’ im Quartier? In: sozialraum.de (5) Ausgabe 1/2013. Online verfügbar.
  • Sommer, a., Lingg, E., Reutlinger, C., Stiehler, S. (2010). In: sozialraum.de (2) Ausgabe 2/2010. URL:
  • Straus, F. (2002). Netzwerkanalysen. Gemeindepsychologische Perspektiven für Forschung und Praxis. Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden
  • Straus, F. (2010). Netzwerkkarten – Netzwerke sichtbar machen. In: Christian Stegbauer, Roger Häußling (Hrsg.), Handbuch Netzwerkforschung, S. 527 – 537. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.