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Autor: Dieter Zisenis

Handlungsspielräume und Verwirklichungschancen im Quartier

Was sind Handlungsspielräume und Verwirklichungschancen

Mit diesem Verfahren wird der Versuch unternommen, das Konzept der „Verwirklichungschancen“ („Capabilities Approach, CA“) für die wirkungsorientierte Selbstevaluation von Quartiersentwicklungsprozessen zu nutzen. Der „Capability Approach“, wie er von Amartya Sen, einem indischen Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger, entwickelt wurde, bezieht sich vor allem auf eine alternative Erfassung von Wohlstand im Rahmen gesellschaftlicher Entwicklungen und hat Eingang in den Index der menschlichen Entwicklung (HDI / Human Development Index) und den Armutsindex (HPI / Human Poverty Index) der Vereinten Nationen gefunden. In Deutschland wird dieser Ansatz in der Sozialberichterstattung (z. B. im Forschungsverbund Sozioökonomische Berichterstattung) oder in der Armuts- und Reichtumsforschung angewendet. Im Fokus stehen dabei immer die Leitbilder von Sozialer Gerechtigkeit bzw. Menschenwürde und die Diskurse und Politikstrategien zu den Herausforderungen Sozialer Ungleichheit und prekärer Lebensverhältnisse. Während in diesem Zusammenhang Aussagen zu den Lebensverhältnissen und Entwicklungsherausforderungen größerer gesellschaftlicher Einheiten wie Staaten und Regionen bzw. im Rahmen von Sozialstrukturanalysen größerer gesellschaftlicher Gruppen getroffen werden, soll dieses Konzept in unserem Kontext auf die individuellen Lebenslagen, Verwirklichungschancen, Teilhabemöglichkeiten und die Ermöglichung von Inklusion bzw. die Reduzierung von Exklusionsrisiken von Personen bestimmter Zielgruppen im Quartier bezogen werden, in unserem Fall Ältere, Hochaltrige und Personen mit besonderem Pflege- und Unterstützungsbedarf, einschließlich der Personen in ihrem sie unterstützenden sozialen Netz.Vor dem Hintergrund der allgemeinen Leitziele inklusiver Quartiersentwicklung Autonomie und Wohlergehen, selbstbestimmtes Leben und Versorgungssicherheit soll der Fokus auf „Handlungsspielräume und Verwirklichungschancen“ den Blick schärfen auf die tatsächlich gegebenen Freiheiten, Chancen und Handlungsoptionen der Menschen im Quartier, eigene Entscheidungen zu treffen, wie sie ihr Leben – gegebenenfalls auch mit Beeinträchtigungen und Pflege- und Unterstützungsbedarf – gestalten möchten. In wie weit das gelingt, hängt sowohl von den äußeren Gegebenheiten, den gesellschaftlich bedingten Chancen, Rechten und Ansprüchen und den Strukturen und Ressourcen im Quartier ab wie von individuellen Potentialen (Einkommen und Güterausstattung, Bildung, Gesundheit, Behinderungen, Alter, Geschlecht, soziale Beziehungen, …) und den eigenen Präferenzen, Lebensentwürfen, Interessen und Wünschen. Der CA-Ansatz erhebt nicht das aktuelle beobachtbare Wohlergehen zum Bewertungsmaßstab, sondern die tatsächlich realisierbaren Möglichkeiten, die notwendig sind, um die jeweils individuellen Vorstellungen von persönlichem Wohlergehen umsetzen zu können. Darüber können nur die Menschen im Quartier selbst Auskunft geben. Andererseits wird nicht nur auf das individuelle Wohlbefinden geschaut, sondern werden immer die jeweiligen äußeren Umstände mit in den Blick genommen. Damit soll sichergestellt werden, dass auch „vorweggenommene Anpassungen“ wahrgenommen werden können, wenn beispielsweise pflegebedürftige Personen von sich aus ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen einschränken: „Ich komme ja ganz gut in meiner Wohnung zurecht, ich muss ja nicht mehr so viel vor die Tür gehen“ – „Ich weiß ja, wie belastend das alles für meine Familie ist, da darf ich nicht mehr so viele Ansprüche haben“. Ziel ist es vielmehr, das Zusammenspiel der notwendigen Rahmenbedingungen für Selbstbestimmung und Teilhabe im Alter mit den jeweils individuellen Voraussetzungen und Chancen genauer zu betrachten.Die Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik Martha Nussbaum hat dem CA-Ansatz eine Liste der zehn zentralen menschlichen Fähigkeiten hinzugefügt, die sie als Grundvoraussetzungen für ein „gutes Leben“ versteht und die im Sinne öffentlicher Daseinsvorsorge von jeder Gesellschaft zu schaffen sind. Diese Liste ist offen, veränderbar und muss in unterschiedlichen Gesellschaften kontextualisiert werden, erhebt aber insofern eine universelle Gültigkeit als es sich um eine Variante des Menschenrechtsansatzes handelt. Auch hier gilt: Es geht nicht darum, den Menschen vorzuschreiben, wie sie ein „gutes Leben“ führen sollen, der Fokus liegt auf den notwendigen Voraussetzungen und Freiheitsspielräumen, eigene Entscheidungen treffen zu können. Auf die Liste der zentralen Fähigkeiten wird bei der Beschreibung der Verfahrensschritte noch im Detail Bezug genommen.

Wofür eignet sich dieses Verfahren?

Im Rahmen einer wirkungsorientierten Selbstevaluation geht es nicht um empirische Sozialforschung und damit nicht um die Generierung allgemeingültiger oder grundlegender wissenschaftlicher Erkenntnisse. Das Verfahren ist qualitativ ausgerichtet. Es geht ausdrücklich nicht um die Erhebung quantitativer Daten auf der Grundlage einer repräsentativen Stichprobe für die Menschen im ausgewählten Quartier. Auch in Bezug auf Aussagen zu Wirkungen der eigenen Arbeit auf „Handlungsspielräume und Verwirklichungschancen“ im Quartier ist äußerste Vorsicht geboten. Durch wirkungsorientierte Selbstevaluation kann keine umfassende Wirkungsanalyse erfolgen. Im Hinblick auf Wirkungszusammenhänge zwischen Interventionen und Wirkungen kann es keine Kausalitätsnachweise geben, allenfalls können begründete Plausibilitäten beschrieben werden. Im Kontext wirkungsorientierter Selbstevaluationen geht vielmehr es um „Wirkungsreflexion“, „um plausibilisierbare Begründungen der Annahme von Wirkungszusammenhängen, besonders unter Beteiligung der AdressatInnen selber und somit um die fachliche Qualifizierung“ (Sturzenhecker & von Spiegel, 2009, S. 318) der Quartiersarbeit.Wenn so viele Einschränkungen benannt werden, warum dann aber dieses Verfahren? Mit dem Blick auf „Handlungsspielräume und Verwirklichungschancen“ wird der Versuch unternommen, häufig getrennte Dimensionen bei Untersuchungen zum Quartier zusammenzuführen. Auf der einen Seite werden in aufwändigen Sozialraumanalysen umfassende Daten zu den Strukturen und Ressourcen im Quartier zusammengetragen, etwa im Hinblick die vier Handlungsfelder im Masterplan Quartier.NRW: Gemeinschaft erleben, Sich versorgen, Wohnen und Sich einbringen. Andererseits werden Bewohnerinnen und Bewohner daraufhin befragt, ob sie sich im Quartier wohl fühlen oder wie sie das Leben im Stadtteil im Hinblick auf unterschiedliche Aspekte bewerten, z. B. im Hinblick auf Einkaufsmöglichkeiten, ärztliche Versorgung, Beratungs- und Unterstützungsangebote, Freizeitmöglichkeiten oder das Zusammenleben in der Nachbarschaft. Darüber wird oft nicht sichtbar, wie ungleich Zugangsmöglichkeiten und Entscheidungsspielräume verteilt sind und welche Faktoren in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen.    

Weitere Voraussetzungen:

  • Evaluationsteam
  • Auseinandersetzung mit dem Modell Capabilities und den zehn menschlichen Fähigkeiten
  • Zeitaufwand

Verfahrensschritte im Rahmen einer Selbstevaluation in einem Quartiersprojekt

Schritt 1: Bildung eines Evaluationsteams

Wie groß Sie Ihr Evaluationsteam aufstellen, bleibt natürlich Ihnen überlassen und ist auch Rahmenbedingungen bei Ihnen vor Ort gebunden.

Wir empfehlen einen Arbeitskreis von drei bis vier Personen.

Schritt 2: Auseinandersetzung mit dem Modell Capabilities

Hierzu zählen auch die zehn menschlichen Fähigkeiten.

Schritt 3: Anpassung der Liste der zehn menschlichen Fähigkeiten

In Anlehnung an Martha Nussbaum geht es in diesem Schritt um eine Anpassung der Liste der zehn Fähigkeiten im Sinne einer Übertragung auf Ihr Quartier. Dazu gibt es bereits Vorarbeiten:

Die Evaluationsstudie zum Bundesmodellprogramm „Qualifizierung der Hilfen zur Erziehung durch wirkungsorientierte Ausgestaltung der Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsvereinbarungen nach §§ 78a ff SGB VIII“ (Albus et al., 2010) und in der Studie „Neighbourhood“ (Falk & Kümpers, 2013) sowie in weiteren Veröffentlichungen des Autorinnenteams werden diese Dimensionen für das Arbeitsfeld altengerechte bzw. inklusive Quartiersentwicklung genutzt:

  1. Lebenserwartung und Sterblichkeit
  2. Gesundheit, Ernährung und Wohnen
  3. Körperliche Integrität, Mobilität, Sicherheit
  4. Bildung, Selbstausdruck und lustvolles Erleben, Schmerzvermeidung, politische Meinungsfreiheit, künstlerische Freiheit und freie Religionsausübung
  5. Fähigkeit zu Emotionen, soziale Netze, Gemeinschaft
  6. Vernunft und Reflexion, Sinnfindung und Sinnverwirklichung
  7. Zugehörigkeit, soziale Teilhabe, Selbstrespekt, Diskriminierungsfreiheit
  8. Naturerleben
  9. Kreativität, Spiel und Erholung
  10. Kontrolle über die eigene Umgebung, politische Teilhabe, materielle Ressourcen

Schritt 4: Im Evaluationsteam werden zu diesen zehn Dimensionen jeweils Indikatoren entwickelt.

Die folgenden Infoboxen sollen Anregungen liefern, wie die Dimensionen auf die Quartiersarbeit übersetzt werden könnten. Die eigentliche Arbeit der Indikatorenentwicklung muss im Evaluationsteam geleistet werden.

Indikatoren im Quartier:

  • Benachteiligende Einflüsse von Quartieren auf bestehende Benachteiligungen durch den sozioökonomischen Status, insbesondere Armut, vermindern
  • Settingbezogene Präventions- und Gesundheitsförderungsansätze
  • Geriatrische Versorgungsnetzwerke

Indikatoren im Quartier:

  • Barrierefreie Wohnumgebung
  • Mobilitätsstrukturen im öffentlicher Raum, ÖPNV
  • Mobilitätsunterstützung und -hilfen
  • Sicherheit vor Gewalt
  • Sicherheit im öffentlichen Raum

Indikatoren im Quartier:

  • Möglichkeiten im direkten Wohnumfeld Gemeinschaft zu erleben
  • Familiäre Kontakte und Nachbarschaft
  • Soziale Netzwerke
  • Selbstvertrauen
  • Vertrauen zu anderen Menschen
  • Selbstwirksamkeitserleben

Indikatoren im Quartier:

  • Soziale Teilhabe im Quartier
  • Beziehungen nach eigenen Vorstellungen gestalten können
  • Bedeutsamkeit für andere erhalten
  • Soziale Netzwerke
  • Zugehörigkeitsgefühl, Identifizierung mit dem Quartier
  • Abwesenheit von Diskriminierung

Indikator im Quartier:

  • Zugänge zu Freizeitaktivitäten

Indikator im Quartier:

  • Beziehung zur Natur erleben können (Naturräume, Pflanzen, Tiere)

Indikatoren im Quartier:

  • Gesundheitsversorgung
  • Pflegerische Versorgung
  • Haushaltsnahe Dienstleistungen
  • Niedrigschwellige Unterstützungsleistungen
  • Zugang gesunde Ernährung
  • Vielfältige bedarfsgerechte Wohnformen
  • Privatsphäre, Rückzugsmöglichkeiten
  • Zugang zu Informationen und Beratung

Indikatoren im Quartier:

  • Unterstützungsleistungen bei Sinneseinschränkungen
  • Zugang zu Bildung und Kultur
  • Palliativversorgung
  • Öffentliche Räume für politische Meinungsfreiheit und freie Religionsausübung und Zugänglichkeit

Indikatoren im Quartier:

  • Entwicklung eigener Lebensentwürfe
  • Orientierung an Werten und Normen
  • Sinn und Identität finden

Indikatoren im Quartier:

  • Gestaltung des eigenen Wohnraums und Wohnumfeldes
  • Selbständigkeit im Alltag
  • Politische Teilhabe im Quartier
  • Partizipation an Entscheidungsprozessen
  • Bürgerschaftliches Engagement
  • Materielle Ressourcen, Entscheidungsfreiheit in finanziellen Angelegenheiten

Eine mögliche Gewichtung im Hinblick auf den starken Bezug zu den Gestaltungsmöglichkeiten im Quartier könnte sein, insbesondere die folgenden Dimensionen zu berücksichtigen:

  • Gesundheit, Ernährung und Wohnen
  • Körperliche Integrität, Mobilität, Sicherheit
  • Bildung, Selbstausdruck und lustvolles Erleben, Schmerzvermeidung, politische Meinungsfreiheit, künstlerische Freiheit und freie Religionsausübung
  • Fähigkeit zu Emotionen, soziale Netze, Gemeinschaft
  • Zugehörigkeit, soziale Teilhabe, Selbstrespekt, Diskriminierungsfreiheit
  • Kontrolle über die eigene Umgebung, politische Teilhabe, materielle Ressourcen

Es wird empfohlen sich auf zwei bis maximal drei Dimensionen zu beschränken.

Schritt 5: Expert/-innenbefragungen und leitfadengestützte Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern zu zwei Erhebungszeiträumen

Für die Datenerhebung im Rahmen der wirkungsorientierten Selbstevaluation werden zwei Zugänge genutzt:

1. Befragung von Expertinnen und Experten:

Expert/-innen im Sinne von professionellen Akteuren im Quartier werden zu den vorhandenen Strukturen und Ressourcen im Quartier im Hinblick auf die einzelnen ausgewählten Dimensionen befragt. Dies kann in Einzelgesprächen, aber auch im Rahmen eines Arbeitstreffens (deutlich weniger Arbeitsaufwand) geschehen. Die Ergebnisse werden dokumentiert.

Eine beispielhafte Dokumentationshilfe finden Sie hier.

2. Leitfadengestützte Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern

Eine Arbeitshilfe mit einer exemplarischen Zusammenstellung von Interviewfragen finden Sie hier.

Für die Durchführung eines Interviews, finden Sie einige Hinweise unter Methoden.

Schritt 6: Auswertung und Kontrastierung der ExpertInnen- und der BewohnerInnenbefragung im Evaluationsteam

In diesem Arbeitsschritt werden die Ergebnisse aus der BewohnerInnenbefragung im Hinblick auf die von Ihnen ausgewählten Zieldimensionen, z. B. „Körperliche Integrität, Mobilität, Sicherheit“ mit den Beobachtungen, Einschätzungen und Erkenntnissen der Expertinnen und Experten verglichen. Dabei gibt es keine Unterschiede in der Wertigkeit, in dem Sinne, dass etwa der Expertensicht eine größere Bedeutsamkeit zugeschrieben würde. Allerdings können gegebenenfalls Unterschiede und entgegengesetzte bzw. widersprüchliche Ergebnisse als Ausgangspunkt für weitergehende Erhebungen genommen werden.


Arbeitshilfen im Überblick


  • Albus, S., Greschke, H., Klingler, B., Messmer, H., Michael, H.-G., Otto, H.-U. & Polutta, A. (2010). Wirkungsorientierte Jugendhilfe, Abschlussbericht der Evaluation des Bundesmodellprogramms „Qualifizierung der Hilfen zur Erziehung durch wirkungsorientierte Ausgestaltung der Leistungs­, Entgelt­ und Qualitätsvereinbarungen nach §§78a ff SGB VIII. Online verfügbar.

  • Falk, K., Kammerer, K., Khan-Zvorničanin, M., Kümpers, S. & Zander, M. (2011). Alt, arm, pflegebedürftig – Selbstbestimmungs- und Teilhabechancen im benachteiligten Quartier, edition sigma.

  • Falk, K., Kümpers, S. (2013). Wechselwirkungen sozialräumlicher und individueller Ressourcen: Verwirklichungschancen pflegebedürftiger Älter in benachteiligten Wohnquartieren, in: Michael Noack, Katja Veil (Hrsg.), Aktiv Altern im Sozialraum - Grundlagen Positionen Anwendungen, S. 93 - 141. Verlag Sozial ∙ Raum ∙ Management, Köln.

  • Heusinger, J., Falk, K., Kammerer, K., Khan-Zvorničanin, M., Kümpers, S. & Zander, M. (2013). Chancen und Barrieren für Autonomie trotz Pflegebedarf in sozial benachteiligten Quartieren und Nachbarschaften, in: Adelheid Kuhlmey, Clemens Tesch-Römer (Hrsg.), Autonomie trotz Multimorbidität,  S. 111 - 136. Hogrefe Verlag.

  • Kümpers, S. (2012). Partizipation hilfebedürftiger und benachteiligter Älterer – die Perspektive der ‚Grundbefähigungen‘ nach Martha Nussbaum, in: Rolf Rosenbruck, Susanne Hartung (Hrsg.), Handbuch Partizipation und Gesundheit, , S. 197 - 211. Verlag Hans Huber. 

  • Sturzenhecker, B. & von Spiegel, H. (2009). Was hindert und fördert Selbstevaluation und Wirkungsreflexion in der Kinder- und Jugendarbeit, in: Werner Lindner (Hrsg.), Kinder- und Jugendarbeit wirkt, S.318. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.