Autor: Dieter Zisenis

Handlungsspielräume und Verwirklichungschancen im Quartier

Stand: 30.04.2019

Was sind Handlungsspielräume und Verwirklichungschancen?

Mit diesem Verfahren wird der Versuch unternommen, das Konzept der „Verwirklichungschancen“ („Capabilities Approach, CA“) für die wirkungsorientierte Selbstevaluation von Quartiersentwicklungsprozessen zu nutzen.

Hintergrund

Der „Capability Approach“, wie er vom indischen Ökonom Amartya Sen entwickelt wurde, bezieht sich vor allem auf eine alternative Erfassung von Wohlstand im Rahmen gesellschaftlicher Entwicklungen. Im Fokus stehen dabei immer die Leitbilder von sozialer Gerechtigkeit bzw. Menschenwürde. Der Begriff „Capabilities“ wird unterschiedlich übersetzt. Wir präferieren die Übersetzung als „Verwirklichungschancen“ oder „Entfaltungsmöglichkeiten“, weil damit deutlich wird, dass es nicht um nur individuelle Kompetenzen, Fähigkeiten, Eigenschaften und Dispositionen geht, sondern um das komplexe Zusammenspiel von Infrastrukturen, Ressourcen, Berechtigungen und den persönlichen Befähigungen. Die Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik Martha Nussbaum hat dem CA-Ansatz eine Liste der zehn zentralen menschlichen Fähigkeiten hinzugefügt, die sie als Grundvoraussetzungen für ein „gutes Leben“ versteht und die im Sinne öffentlicher Daseinsvorsorge von jeder Gesellschaft zu schaffen sind. Diese Liste ist offen, veränderbar und muss in unterschiedlichen Gesellschaften kontextualisiert werden, erhebt aber insofern eine universelle Gültigkeit als es sich um eine Variante des Menschenrechtsansatzes handelt. Dabei geht es nicht darum, den Menschen vorzuschreiben, wie sie ein „gutes Leben“ führen sollen, der Fokus liegt auf den notwendigen Voraussetzungen und Freiheitsspielräumen, eigene Entscheidungen treffen zu können (im Dokument „Verfahrensbeschreibung“ finden Sie weitere Informationen).

Bezogen auf das Quartier als Lebens- und Möglichkeitsraum für ein „gutes Leben“ wird nach dem Alltagsleben von Menschen gefragt. Vor dem Hintergrund der allgemeinen Leitziele inklusiver Quartiersentwicklung Autonomie und Wohlergehen, selbstbestimmtes Leben und Versorgungssicherheit soll der Fokus auf „Handlungsspielräume und Verwirklichungschancen“ den Blick schärfen auf die tatsächlich gegebenen Freiheiten, Chancen und Handlungsoptionen der Menschen im Quartier, eigene Entscheidungen zu treffen, wie sie ihr Leben – gegebenenfalls auch mit Beeinträchtigungen und Pflege- und Unterstützungsbedarf – nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen gestalten können. In wie weit das gelingt, hängt sowohl von den äußeren Gegebenheiten, den gesellschaftlich bedingten Chancen, Rechten und Ansprüchen und den Strukturen und Ressourcen im Quartier ab wie von individuellen Potentialen (Einkommen und Güterausstattung, Bildung, Gesundheit, Behinderungen, Alter, Geschlecht, soziale Beziehungen, …) und den eigenen Präferenzen, Lebensentwürfen, Interessen und Wünschen. Der CA-Ansatz erhebt nicht das aktuelle beobachtbare Wohlergehen zum Bewertungsmaßstab, sondern die tatsächlich realisierbaren Möglichkeiten, die notwendig sind, um die jeweils individuellen Vorstellungen von persönlichem Wohlergehen umsetzen zu können. Darüber können nur die Menschen im Quartier selbst Auskunft geben. Andererseits wird nicht nur auf das individuelle Wohlbefinden geschaut, sondern werden immer die jeweiligen äußeren Umstände mit in den Blick genommen. Damit soll sichergestellt werden, dass auch „vorweggenommene Anpassungen“ wahrgenommen werden können, wenn beispielsweise pflegebedürftige Personen von sich aus ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen einschränken: „Ich komme ja ganz gut in meiner Wohnung zurecht, ich muss ja nicht mehr so viel vor die Tür gehen“ – „Ich weiß ja, wie belastend das alles für meine Familie ist, da darf ich nicht mehr so viele Ansprüche haben“.

Die Perspektive des Capabilities Approach setzt zwar bei der Lebenssituation der Menschen im Quartier an, beurteilt aber nicht das individuelle Verhalten, sondern die Qualität der Rahmenbedingungen und Unterstützungssysteme im Quartier. Die Frage heißt beispielsweise deshalb nicht: „Wie oft besuchen Sie den Nachbarschafstreff im Quartier?“ oder einfach nur „Sind Sie mit ihrem Leben im Quartier zufrieden?“, sondern eher: „Wie wichtig sind Ihnen Kontakte und Begegnungsmöglichkeiten im Quartier? Kennen Sie die Kontakt- und Begegnungsmöglichkeiten? Stimmen Sie der Aussage zu: Ich habe viele Möglichkeiten soziale Kontakte im Viertel zu pflegen, wenn ich das möchte? Welche Hemmnisse und Hinderungsgründe gibt es? Welche Unterstützung können Sie in Anspruch nehmen bzw. nehmen Sie in Anspruch?“

Wofür eignet sich dieses Verfahren?

Mit dem Blick auf „Handlungsspielräume und Verwirklichungschancen“ wird der Versuch unternommen, häufig getrennte Dimensionen bei Untersuchungen zum Quartier zusammenzuführen. Auf der einen Seite werden in aufwändigen Sozialraumanalysen umfassende Daten zu den Strukturen und Ressourcen im Quartier zusammengetragen. Andererseits werden Bewohnerinnen und Bewohner daraufhin befragt, ob sie sich im Quartier wohl fühlen oder wie sie das Leben im Stadtteil im Hinblick auf unterschiedliche Aspekte bewerten, z. B. im Hinblick auf Einkaufsmöglichkeiten, ärztliche Versorgung, Beratungs- und Unterstützungsangebote, Freizeitmöglichkeiten oder das Zusammenleben in der Nachbarschaft. Darüber wird oft nicht sichtbar, wie ungleich Zugangsmöglichkeiten und Entscheidungsspielräume verteilt sind und welche Faktoren in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen. Das Verfahren ist insofern gut geeignet, Entscheidungsfreiheiten und –möglichkeiten von Bürgerinnen und Bürgern im Hinblick auf ein selbstbestimmtes „gutes Leben“ im Quartier systematisch zu untersuchen und auch über einen längeren Zeitraum Veränderungen wahrzunehmen. Im Rahmen einer wirkungsorientierten Selbstevaluation wird also danach gefragt, welchen Beitrag die unterschiedlichen Interventionen und Aktivitäten der Quartiersarbeit leisten, damit Bürgerinnen und Bürger auch tatsächlich Möglichkeiten haben und Fähigkeiten entwickeln können, ihre eigenen Vorstellungen von einem guten Leben zu realisieren.

Für die Umsetzung einer am Capabilities Approach orientierten Selbstevaluation ist die Bildung eines Evaluationsteams und die Auseinandersetzung mit dem Modell Capabilities Approach und den zehn menschlichen Fähigkeiten nach Martha Nussbaum notwendig. Die Erhebung und vor allem auch Auswertung von Daten im Rahmen von leitfadengestützten Interviews ist durchaus zeitaufwendig, unseres Erachtens aber sehr lohnend.


Verfahrensschritte im Rahmen einer Selbstevaluation in einem Quartiersprojekt

Schritt 1: Bildung eines Evaluationsteams - drei bis vier Personen

Schritt 2: Auseinandersetzung mit dem Modell der Capabilities und den zehn menschlichen Fähigkeiten

Schritt 3: Anpassung der Liste der zehn menschlichen Fähigkeiten in Anlehnung an Martha Nussbaum

Schritt 4: Im Evaluationsteam entscheiden Sie sich für maximal drei Dimensionen, die Sie näher untersuchen wollen und entwickeln für diese ausgewählten Dimensionen Indikatoren

Schritt 5: Expert/-innenbefragungen und leitfadengestützte Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern zu zwei Erhebungszeiträumen

Schritt 6: Auswertung und Kontrastierung der ExpertInnen- und der BewohnerInnenbefragung im Evaluationsteam


Quellenangaben und weiterführende Literatur

  • Albus, S., Greschke, H., Klingler, B., Messmer, H., Michael, H.-G., Otto, H.-U. & Polutta, A. (2010). Wirkungsorientierte Jugendhilfe, Abschlussbericht der Evaluation des Bundesmodellprogramms „Qualifizierung der Hilfen zur Erziehung durch wirkungsorientierte Ausgestaltung der Leistungs­, Entgelt­ und Qualitätsvereinbarungen nach §§78a ff SGB VIII. Online verfügbar.

  • Falk, K., Kammerer, K., Khan-Zvorničanin, M., Kümpers, S. & Zander, M. (2011). Alt, arm, pflegebedürftig – Selbstbestimmungs- und Teilhabechancen im benachteiligten Quartier, edition sigma.

  • Falk, K., Kümpers, S. (2013). Wechselwirkungen sozialräumlicher und individueller Ressourcen: Verwirklichungschancen pflegebedürftiger Älter in benachteiligten Wohnquartieren, in: Michael Noack, Katja Veil (Hrsg.), Aktiv Altern im Sozialraum - Grundlagen Positionen Anwendungen, S. 93 - 141. Verlag Sozial ∙ Raum ∙ Management, Köln.

  • Heusinger, J., Falk, K., Kammerer, K., Khan-Zvorničanin, M., Kümpers, S. & Zander, M. (2013). Chancen und Barrieren für Autonomie trotz Pflegebedarf in sozial benachteiligten Quartieren und Nachbarschaften, in: Adelheid Kuhlmey, Clemens Tesch-Römer (Hrsg.), Autonomie trotz Multimorbidität,  S. 111 - 136. Hogrefe Verlag.

  • Kümpers, S. (2012). Partizipation hilfebedürftiger und benachteiligter Älterer – die Perspektive der ‚Grundbefähigungen‘ nach Martha Nussbaum, in: Rolf Rosenbruck, Susanne Hartung (Hrsg.), Handbuch Partizipation und Gesundheit, , S. 197 - 211. Verlag Hans Huber. 

  • Sturzenhecker, B. & von Spiegel, H. (2009). Was hindert und fördert Selbstevaluation und Wirkungsreflexion in der Kinder- und Jugendarbeit, in: Werner Lindner (Hrsg.), Kinder- und Jugendarbeit wirkt, S. 318. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.