Autor: Dieter Zisenis

Überblick: Most Significant Change (MSC)

Stand: 15.04.2019

Was ist MSC?

Most Significant Change ist ein von Rick Davies entwickeltes qualitatives und beteiligungsorientiertes Evaluationsverfahren. Für die Internetplattform haben wir dieses Verfahren, das vor allem im Kontext der Evaluation von Programmen der Entwicklungszusammenarbeit genutzt wird, auf den Kontext von Quartiersprojekten übertragen. In die einzelnen Verfahrensschritte können sowohl die unterschiedlichen Arbeits- und Entscheidungsebenen der Trägerorganisation als auch wichtige Akteure und Bürgerinnen und Bürger aus dem Quartier einbezogen werden. Das Verfahren eignet sich zur Identifizierung von bedeutsamen Veränderungen im Kontext eines Quartiersentwicklungsprozesses. Das Verfahren gibt keine einzelnen Indikatoren vor, bezieht sich aber auf relevante Zieldimensionen für das jeweilige Projekt. Zur Beschreibung von Wirkungen dienen sogenannte Veränderungsgeschichten über die als besonders bedeutsam eingeschätzten Veränderungen (Most significant changes).

Das MSC-Verfahren eignet sich, wenn Sie …

  • … eine qualitative Evaluation gemeinsam mit einem kleinen Evaluationsteam durchführen wollen. In diesem Team können Akteure im Quartier und Bürgerinnen und Bürgern, die sich in der Quartiersarbeit bürgerschaftlich engagieren, beteiligt werden.

  • … ein systematisches Verfahren nutzen wollen, für das Sie einen Zeitrahmen von etwa fünf Monaten einplanen können.

  • … an einem ergebnisoffenen Verfahren mit vielen intensiven Gesprächen und gegebenenfalls auch Überraschungen interessiert sind.

Durch das sehr offene Verfahren ist es möglich, auch direkte und indirekte, beabsichtigte und unbeabsichtigte, positive wie negative Wirkungen in den Blick zu nehmen. Die Ergebnisse können für die Steuerung, insbesondere aber für die professionelle Reflexion und den organisationalen Lernprozess genutzt werden.

Das Verfahren „Most Significant Change“ ist eine gut strukturierte Methode zur Beschreibung der Wirksamkeit Sozialer Arbeit im Stadtteil. Es setzt über das Erzählen von Veränderungsgeschichten (eingebunden in eine Struktur) direkt bei den Menschen an, die die Soziale Arbeit im Stadtteil erreichen möchte. Durch das Erzählen der eigenen Geschichten ermöglicht der/die Erzähler*in dem/der Interviewer*in einen Perspektivwechsel. Dieser Perspektivwechsel erweitert die Blickrichtung des/der Interviewer*in auf die Leitfrage und die damit verbundene Wirkung der Sozialen Arbeit im Quartier. Damit beginnt ein Prozess der Selbstreflexion, der sich in den Köpfen und den weiteren Verfahrensschritten fortsetzt und durch hinzukommende Perspektiven ergänzt wird.

Durch den breiten Austausch in den Workshops wird die Diskussion über die Wirkung der Sozialen Arbeit in den Stadtteil getragen und weiter entwickelt. Somit trägt das Verfahren wesentlich zur Stärkung des Netzwerkes im Stadtteil und zur nachhaltigen Implementierung der stadtteilbezogenen sozialen Arbeit bei.

Entscheidend in diesem Verfahren war für den Verein auch, dass sich das Team der Interviewer*innen aus Haupt- und Ehrenamtlichen aus allen Arbeitsbereichen zusammensetzte. Dadurch ergab sich eine Vielfalt von Perspektiven und Kontaktmöglichkeiten/Zugängen zu den Geschichtenerzähler*innen.

Da die Stadtteilarbeit des Vereins im Wesentlichen von Ehrenamtlichen getragen und durchgeführt wird, war es zudem besonders wichtig, dass diese Interviews durchführten und in den Prozess von Beginn an mit eingebunden waren. So kamen sie durch die „vorstrukturierte Erzählung“ der Veränderungsgeschichten direkt in die Selbstreflexion des eigenen Handelns im Rahmen ihrer Quartiersarbeit im Verein. Dies hat Ihre Rolle im Verein und ihr Handeln gestärkt. Des Weiteren   hat es einen Diskussionsprozess mit den Verantwortlichen des Vereins und Akteuren aus dem Stadtteil in Gang gesetzt.

Der Prozess zur Selbststeuerung, den der Verein vor zwei Jahren begonnen hat, wurde durch diese „Evaluationsmethode“ gestärkt. Hierarchien werden weiter aufgebrochen, in dem nicht die Führungsebene über die Arbeit entscheidet, sondern die Perspektive und die Reflexion der Engagierten und der Nutzer_innen der Angebote von entscheidender Bedeutung sind.

Das Verfahren war sehr zeit- und arbeitsintensiv. Die vielen Kontakte und Gespräche erzielten intensive, überraschende und neue Erkenntnisse. Der Verein wurde durch die wirkungsorientierte Selbstreflexion in seinem Handeln bestärkt. Es wurde sehr deutlich, dass diese Art der Reflexion nicht durch eine „objektive und repräsentative Evaluation“ der Arbeit dargestellt werden kann. Dies wurde vielfach diskutiert und führte bei allen Beteiligten hin und wieder zu Barrieren im Umgang mit dem Verfahren. Die Qualität dieser Methode liegt in den vorab beschriebenen Wirkungen.

Abschließend stellt sich die Frage ob der Begriff  „Evaluation“ in diesem Zusammenhang nicht zu stark mit Objektivität und Neutralität verknüpft ist und es somit deutlicher wäre, von wirkungsorientierter Selbstreflexion zu sprechen.

Das MSC-Verfahren eignet sich nicht, wenn Sie ...

  • … alle Zieldimensionen Ihrer Quartiersarbeit in Gänze überprüfen wollen.
  • … ausschließlich die von Ihnen erwarteten Veränderungen bestätigt sehen wollen.
  • … vor allem an Kennzahlen interessiert sind oder von Ihnen im Hinblick auf Nachweispflichten oder aus Legitimationsgründen insbesondere Kennzahlen erwartet werden.
  • … nicht die erforderlichen zeitlichen und personellen Ressourcen für dieses doch relativ zeitaufwändige Verfahren zur Verfügung haben.


Im Ergebnis ...

  • … haben sie viele subjektive Perspektiven kennengelernt, wie Akteure und Bürgerinnen und Bürger die Entwicklung in Ihrem Quartier und die Zusammenhänge zu Ihren Aktivitäten in der Quartiersarbeit bewerten.
  • … haben Sie diese subjektiven Perspektiven in einem mehrstufigen Auswahlverfahren geprüft und systematisch ausgewertet.
  • … haben Sie gemeinsam mit vielen Akteurinnen und Akteuren im Quartier und mit den Leitungsverantwortlichen Ihrer Trägerorganisation Ihre Quartiersarbeit auf Wirkungen hin reflektiert und haben Hinweise für die Weiterentwicklung erhalten.
  • … haben Sie über die Veränderungsgeschichten eine Fülle von qualitativen Aussagen zu Wirkungen Ihrer Quartiersarbeit erhalten, die Sie gegenüber Verantwortlichen im Quartier und gegenüber der Öffentlichkeit präsentieren können.
  • … haben Sie über die Veränderungsgeschichten und die Diskussionen im MSC-Auswahlverfahren Hinweise erhalten, zu welchen Ergebnissen aus dem MSC-Auswahlverfahren weitere Untersuchungen notwendig sind und zu welchen Fragestellungen gegebenenfalls auch quantitative Erhebungen sinnvoll sein könnten.

Wer hat's erfunden?

Wenn Sie etwas mehr über den Hintergrund des MSC-Verfahrens wissen wollen, finden Sie hier ergänzende Informationen zum Download.