Autorin: Prof. Dr. Sabine Kühnert

Autonomie und Teilhabe: Ein Thema in Quartieren?

Teilhabe, Partizipation, Inklusion, Selbstbestimmung, Autonomie

Dies sind zentrale Begriffe, die aktuell in sozialpolitischen Diskussionen insbesondere im Zusammenhang mit der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und der Diskussion um das neue Bundesteilhabegesetz genutzt werden. Aber auch bei Fragen zur Gestaltung von Versorgungsarrangements für schwer Demenzerkrankte oder schwerstpflegebedürftige und sterbende Menschen werden diese Begrifflichkeiten als Leitprinzipien formuliert, zum Teil ohne das jeweilige Begriffsverständnis zu erläutern bzw. zu hinterfragen.

»Was bedeuten diese Begriffe, und kann es angebracht sein, die Ermöglichung von Teilhabe und Autonomie für Bewohner und Bewohnerinnen eines Quartiers als Ziele von Maßnahmen zur Quartiersentwicklung zu formulieren?«

Mit diesen beiden Fragen beschäftigt sich der nachfolgende Text.


Begriffsverständnis und -verwendung

Autonomie wird vielfach mit Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Wahl- und Entscheidungsfreiheit gleichgesetzt, bedeutet jedoch nicht Selbstständigkeit. Selbstständigkeit bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, sein Leben ohne Hilfe und Unterstützung anderer Menschen zu führen (Brandenburg, 2002, S. 2), wohingegen der Begriff der Autonomie sich auf die Sicherstellung von Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten bezieht. Menschen, die aufgrund einer Behinderung, Demenz oder schwerer Pflegebedürftigkeit nicht selbständig leben, können diesem Verständnis zufolge durchaus autonom leben, sofern sie hierzu die benötigte Unterstützung erhalten. Dies verweist auf die soziale Bezogenheit eines Menschen. Autonomie ist auch bei Abhängigkeit von anderen Menschen möglich. Sie bedeutet nicht Autarkie (Schwerdt, 2007), sondern ist im Gegenteil erst in einer sorgenden Beziehung möglich. In der mitmenschlichen Begegnung, durch Einfühlung und Wissen um die Befindlichkeiten und Bedürfnisse des Hilfebedürftigen, wird es dem Helfenden möglich, dessen Autonomiebedürfnisse zu unterstützen. 

Möglichkeiten und Grenzen der Sicherstellung von Autonomie werden in pflegewissenschaftlichen Diskussionen vor allem im Zusammenhang mit der Versorgung demenzkranker Menschen und schwerpflegebedürftiger und sterbender Menschen diskutiert, die ihren Willen nicht oder nur eingeschränkt äußern können und von anderen Menschen in ihrer alltäglichen Lebensführung abhängig sind. Dass auch unter diesen Umständen Autonomie möglich ist, verdeutlicht die nachfolgende Differenzierung von verschiedenen Formen von Autonomie von Collopy (zit. nach Brandenburg, 2002). Dieser unterscheidet u.a. zwischen

  • Entscheidungsautonomie vs. Durchführungsautonomie, d.h. auch wenn ein Mensch nicht mehr in der Lage ist, eine Handlung selbstständig durchzuführen (Durchführungsautonomie), so kann er dennoch eine Entscheidung treffen, was er gern tun möchte (Entscheidungsautonomie). Je geringer die Durchführungsautonomie, umso wichtiger wird die Aufrechterhaltung von Entscheidungsautonomie.
  • Direkte vs. delegierende Autonomie. Wenn pflegebedürftige Menschen nicht in der Lage sind, selbst Entscheidungen zu treffen (direkte Autonomie), kann die Entscheidung auch an andere Personen wie Angehörige oder Pflegefachkräfte delegiert werden (delegierende Autonomie). Klare Absprachen und Regelungen, wie und welche Entscheidungen delegiert werden, sind hierfür erforderlich.

Autonomie beschreibt somit die auf ein einzelnes Individuum bezogenen Gestaltungs- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten und deren Verwirklichungsmöglichkeiten in sozialen Beziehungen. Äußere Rahmenbedingungen wirken – im Unterschied zu gelebter Teilhabe – nur indirekt durch die Bereitstellung von Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten auf die Ermöglichung bzw. Verhinderung einer autonomen Lebensführung ein. 

Im Unterschied zum eher auf das Individuum bezogenen Autonomiebegriff beschreibt Teilhabe die Möglichkeiten zu einem gewünschten und gleichberechtigten Leben und zum Engagement in der Gesellschaft. Somit wird der Fokus auf das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und seinem gesellschaftlichen Umfeld gelegt. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen können Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen und erleichtern, aber auch erschweren.

Die Wurzeln des Teilhabebegriffs liegen in der Arbeit mit Menschen mit einer Behinderung und beschreiben einen Paradigmenwechsel im Verständnis von Gesundheit und Behinderung. Entsprechend dem bio-psycho-sozialen Modell von Behinderung (Zweiter Teilhabebericht der Bundesregierung, 2016, S.10) lassen sich Gesundheit und Krankheit nicht ausschließlich als körperbezogene Schädigungen eines einzelnen Menschen definieren, sondern sind immer im Verhältnis zur umgebenden Umwelt zu sehen. Mobilitätseinschränkungen oder Sinnesbehinderungen führen z.B. dann zu Teilhabebeschränkungen, wenn das entsprechende Umfeld nicht barrierefrei ist. Behinderung ist somit immer in Relation zum umgebenden Umfeld zu verstehen. Allerdings beeinflussen auch personenbezogene Faktoren, wie die persönliche Durchsetzungsfähigkeit oder Interessen, wie auf Teilhabebarrieren reagiert wird.

Der Teilhabebegriff ist mittlerweile zu einem Leitbegriff in vielen Politik- und Praxisfeldern geworden, ohne dass seine Bedeutung definiert wird. So findet sich der Teilhabebegriff im Bundesteilhabegesetz (BTHG), als Kriterium zur Definition von Behinderung: „Behindert sind Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen, die durch verschiedene Barrieren nicht an der Gesellschaft teilhaben können“ (§2 BTHG). Weiterhin wird dient der Teilhabebegriff zur Beschreibung von Leistungen, die dem Gesetz nach gewährt werden (§4 BTHG). Ein Beispiel ist die Beschreibung von Leistungen zur Sozialen Teilhabe. Dies sind Leistungen, die erbracht werden, „um eine gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen oder zu erleichtern …“ Dazu gehören Leistungen, die die dazu beitragen, „Leistungsberechtigte zu einer möglichst selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Lebensführung im eigenen Wohnraum sowie in ihrem Sozialraum zu befähigen oder sie hierbei zu unterstützen“(§113 BTHG).

Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) verwendet die Begriffe Partizipation und Inklusion, wenn sie die „volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft und Einbeziehung in die Gesellschaft“ fordert. (Aktionsbündnis Teilhabeforschung 2015, S. 1).

Auch im Siebten Altenbericht der Bundesregierung wird Zugehörigkeit und Teilhabe als das zentrale Ziel des Sozialstaatsprinzips und Leitlinie für eine Politik für ältere Menschen gefordert. Dies umfasst u.a. bedarfsgerechte Beratungsangebote und ein „breit gefächertes Angebot zur gesellschaftlichen Teilhabe, Unterstützung und Pflege“ (7. Altenbericht 2016, XXVII). Die Schaffung der hierfür erforderlichen Strukturen wird als Aufgabe der Kommunen definiert und die Stärkung des Quartiers in diesem Zusammenhang ausdrücklich erwähnt.

Eine etwas ausdifferenziertere Erläuterung zur Bedeutung des Begriffs Teilhabe kann den Ausführungen in der Gründungserklärung des Aktionsbündnis Teilhabeforschung entnommen werden. Teilhabe wird hier definiert als das „Recht aller Menschen, unabhängig von ihren Fähigkeiten, Merkmalen oder Herkunft in der Gesellschaft gleichberechtigt mit anderen zu leben und in der Gesellschaft mitzubestimmen.“ (Aktionsbündnis Teilhabeforschung, 2015, S. 1).Teilhabe ist Ziel und Handlungsorientierung zur Verwirklichung dieses Rechts.

Teilhabemöglichkeiten und -grenzen ergeben sich aus der Wechselwirkung zwischen der Gesellschaft, der Umwelt und dem Individuum (Aktionsbündnis Teilhabeforschung, 2015, S. 31). Entsprechend werden analytisch drei Ebenen zur Definition von Teilhabe unterschieden:

  • Teilhabe auf struktureller Ebene bezieht sich auf vorgefundene gesellschaftliche  Rahmenbedingungen (z.B. Gesetze und politische Schwerpunktsetzungen), die Barrieren, Ressourcen und Möglichkeiten zur Teilhabe auf der Makroebene festlegen. Darunter fallen jedoch auch Umweltgegebenheiten (z.B. Infrastruktur und Umweltbarrieren), die Teilhabe unterstützen oder beeinträchtigen können.
  • Teilhabe auf Prozessebene beschreibt die Möglichkeiten des Einzelnen, sich an politischen, öffentlichen und auch persönlichen Angelegenheiten zu beteiligen und mitzubestimmen, d.h. hier stehen die konkreten Handlungsspielräume eines Menschen im öffentlichen Raum im Zentrum, im Unterschied zur
  • Teilhabe auf individueller Ebene. Damit werden die persönlichen Handlungs- und Gestaltungsspielräume in der persönlichen Lebensführung und der Alltagsbewältigung verstanden.

Unter dem Stichwort Teilhabe werden vor allem die Lebensbedingungen und gesellschaftlichen Beteiligungsmöglichkeiten von Menschen in benachteiligten Lebenslagen thematisiert, wie Armut, soziale Ungleichheit, Migration, Geschlecht, aber auch Alter, chronische Erkrankung und Pflegebedürftigkeit und Behinderung und die damit verbundene Gefahr von Exklusion.

Als gesellschaftliche Teilhabebereiche werden im zweiten Teilhabebericht der Bundesregierung – orientiert an den Lebenslagebereichen – folgende Lebensbereiche beschrieben (Zweiter Teilhabebericht der Bundesregierung, 2016, S. 15f)   

  • Zugang zu Bildungsmöglichkeiten
  • Zugang zu sozialen Unterstützungsangeboten
  • Zugang zu einer Erwerbstätigkeit
  • Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen
  • Zugang zu Freizeit-, Kultur und Sportangeboten
  • Zugang zu gewünschten und barrierefreien Wohnmöglichkeiten
  • Möglichkeiten zur politischen und gesellschaftlichen Partizipation

Rückgriffmöglichkeiten auf materielle und soziale Unterstützung sowie die Möglichkeit zum selbstbestimmten Handeln und Entscheiden – Autonomie – werden als Voraussetzungen für gelebte Teilhabe angesehen.


Autonomie und Teilhabe: Ein Thema für Quartiere?

Wie die Erläuterungen zum Teilhabebegriff gezeigt haben, wird der Erhöhung von Teilhabemöglichkeiten, insbesondere für materiell, sozial und gesundheitlich benachteiligte Bevölkerungsgruppen, und dem Abbau von Teilhabebarrieren derzeit sozialpolitisch eine hohe Priorität zugeschrieben. Die Stärkung des Quartiers als Maßnahme zur gesellschaftlichen Teilhabeunterstützung und die Sicherstellung von Teilhabe durch wohnortnahe Unterstützung werden im Siebten Altenbericht als Bestandteil moderner Sozialpolitik ausdrücklich erwähnt. Darauf kann bei der Begründungen der Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen zur Quartiersgestaltung Bezug genommen werden.

Weiterhin lassen sich aus den Erläuterungen zum Teilhabebegriff und der Beschreibung gesellschaftlicher Teilhabebereiche im zweiten Teilhabebericht Anregungen für die eigene Schwerpunktsetzung in der Quartiersentwicklung entnehmen. Da sich Teilhabemöglichkeiten aus der Wechselwirkung zwischen dem Individuum und seinem vorgefundenen Umfeld ergeben, können – unter Einbezug des Lebenslagekonzepts – Hinweise auf mögliche Zielgruppen und Handlungsfelder für Maßnahmen zur Quartiersarbeit, die zur Verbesserung gesellschaftlicher Teilhabe auf der Prozessebene beitragen, entnommen werden, wie z.B.

  • die Ermittlung der von Ausgrenzung betroffenen und bedrohten Personengruppen im Quartier,
  • der Erhalt sozialer Netzwerke und Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten im Quartier,
  • die Prüfung des Vorhandenseins und der Zugangsmöglichkeiten für die im Quartier lebenden Menschen zu Gesundheitsdienstleistungen, Beratungsangeboten, Freizeit-, Sport- und Kulturangeboten als Voraussetzung bzw. Bestandteile gesellschaftlicher Teilhabe,
  • die Prüfung der Adressatenangemessenheit von Informationen über bestehende Angebote,
  • der Abbau von Zugangsbarrieren (infrastruktureller, räumlicher, finanzieller Art).

Einschränkungen ergeben sich dabei in zweierlei Hinsicht.

  1. Teilhabemöglichkeiten auf struktureller Ebene sind durch Maßnahmen zur Quartiersarbeit kaum zu beeinflussen. Sie erfordern politisches Handeln in anderen Kontexten.
  2. Die Teilhabechancen auf individueller Ebene werden durch die Schaffung von Umfeldbedingungen mitgestaltet. Ihre Nutzung wird jedoch auch von den im Lebensverlauf des Einzelnen ausgebildeten Präferenzen und Fähigkeiten mitbeeinflusst. Maßnahmen zur Quartiersgestaltung stellen deshalb Teilhabemöglichkeiten zur Verfügung. Ggf. müssen die im Quartier lebendenden Menschen allerdings erst einmal ermutigt und befähigt werden, diese auch in Anspruch zu nehmen. 

Den Impulstext Autonomie und Teilhabe: Ein Thema für Quartiere? können Sie hier herunterladen.


  • Aktionsbündnis Teilhabeforschung – für ein neues Forschungsprogramm zu Lebenslagen und Partizipation von Menschen mit Behinderungen. Grundsatzerklärung (Stand 4. Februar 2015). http://www.dvfr.de/aktuelles/newsdetails/aktionsbündnis-teilhabeforschung-gegründet/ (03.03.2017)

  • Brandenburg, H. (2002). Autonomie im Alter. Eine ethische und praktische Herausforderung an die professionelle Pflege. In Krankendienst, 75, 12, 346-383

  • Bundesteilhabegesetz. www.bundesgesetzblatt.de

  • Engels, D., Engel, H. & Schmitz, A. (2016). Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen 2016. ISG Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales

  • Schwerdt, R. (2007). Autonomie als grundlegendes Werteprinzip. In Petzold, Chr. et al. (Hrsg.), Ethik und Recht. Gemeinsam für ein besseres Leben mit Demenz. Bd. 7. Bern: Huber, 22-32

  • Siebter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland. Sorge und Mitverantwortung in der Kommune – Aufbau und Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaften. Bundestagsdrucksache 18/10210 vom 2.11.2016