Autorin: Prof. Dr. Sabine Kühnert

Zum Lebenslagenansatz und seiner Bedeutung für die Evaluation und in der Quartiersarbeit

Das Konzept der Lebenslagen ermöglicht die Beschreibung von sozialen Gefährdungen und Problemen einzelner Personengruppen in einem Quartier. Es kann als Analyseraster zur Erfassung strukturell bedingter sozialer Ungleichheiten und Benachteiligungen im Quartier genutzt werden. Der Lebenslagenansatz hat seine Wurzeln in der Sozialpolitikwissenschaft und wird in der Gerontologie zur Identifikation sozialer Risiken im Alter herangezogen

Kurzbeschreibung des Lebenslagekonzeptes

Als Lebenslage wird der individuelle Handlungsspielraum einer Person verstanden, um das eigene Leben selbstbestimmt und für sich zufriedenstellend zu gestalten.  Welche Möglichkeiten und welche Begrenzungen der Einzelne in seiner persönlichen Lebensgestaltung besitzt wird, dem Lebenslageansatz zufolge von zwei Einflussgrößen bestimmt. Den objektiven Rahmenbedingungen (z. B. vorgefundene Wohnbedingungen im Quartier aber auch gesetzliche Vorgaben wie Rentenreglungen, Arbeitsmarktsituation, Bildungsmöglichkeiten etc.)  und den individuellen Handlungskompetenzen. Darunter werden Fähigkeiten verstanden, auf die vorgefundenen Lebensumstände angemessen reagieren zu können die durch Sozialisation und Bildung erworben werden. Der äußere gesellschaftlich bestimmte Rahmen gibt somit die Handlungsspielräume des Einzelnen vor (z. B. die Infrastruktur und Sozialstruktur in einem Quartier). Diese Gestaltungsspielräume sind jedoch durchaus veränderbar. Hier geht der Lebenslageansatz von Wechselwirkungen aus.  Lebenslagen beeinflussen zwar den Erwerb von Fähigkeiten zur aktiven Gestaltung des eigenen Lebens. Allerdings kann der Einzelne auch durch sein Verhalten Gestaltungsspielräume verändern. Es liegt in seiner Verantwortung und in seinen Fähigkeiten, wie er auf vorgefundene Lebensumstände reagiert. 

Anhand folgender sieben sogenannter Lebenslagenbereiche lassen sich individuelle Chancen und Beeinträchtigungen für ein selbstbestimmtes Leben erfassen (Naegele, 1998, S. 110):

  • Vermögens- und Einkommensspielraum,
  • Materieller Versorgungsspielraum, d. h. der Umfang der Versorgung mit Dienstleistungen und Gütern in den Bereichen Wohnen, Bildung, Sozial- und Gesundheitswesen,
  • Kontakt-, Kooperations- und Aktivitätsspielraum verstanden als die Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten und außerberuflichen Interessen nachgehen zu können,
  • Lern- und Erfahrungsspielraum, der die Möglichkeiten beschreibt, die eigenen im Lebensverlauf ausgebildeten Interessen zu verfolgen und dies in einem durch Wohn- und Umfeldgegebenheiten bestimmten Rahmen,
  • Dispositions- und Partizipationsspielraum, im Sinne der bestehenden Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten,
  • Muße- und Regenerationsspielraum, d. h. die sich aus der eigenen körperlichen und seelischen Konstitution ergebenden Erfordernisse zur Erholung,
  • Spielraum, der sich aus der Unterstützung bei alterstypischer Hilfe- und Pflegebedürftigkeit durch familiäre und außerfamiliäre Hilfe ergibt.

Die Bedeutung des Lebenslagekonzeptes für die Evaluation und Quartiersarbeit

Der Lebenslageansatz kann als Analyseraster zur Ermittlung sozialer Ungleichheiten in einem Quartier und zur Festlegung von Evaluationsbereichen herangezogen werden. Mithilfe dieses Ansatzes lässt sich

  • begründen, dass Maßnahmen zur Quartiersarbeit dazu beitragen können, soziale Ungleichheiten bei älteren Menschen in einem Quartier zu verringern und Teilhabemöglichkeiten zu erhöhen, indem in den einzelnen Lebenslagebereichen Veränderungen angestoßen werden,
  • begründen, dass Gestaltungsmöglichkeiten in einem Quartier allerdings auch durch strukturelle Rahmenbedingungen mitbestimmt und dadurch auch begrenzt werden,
  • begründen, dass sich die Erfassung sozialer Ungleichheiten in einem Quartier nicht auf die Analyse struktureller Rahmendaten begrenzen darf, sondern auch die Handlungsmöglichkeiten einzelner Personen und Personengruppen mit berücksichtigen muss,
  • begründen, dass zur Veränderungen von Lebenslagen sowohl Veränderungen von Rahmenbedingungen als auch die Stärkung der Handlungskompetenzen der Bewohner eines Quartiers erforderlich sind und
  • bestimmen welche Bereiche für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung älterer Menschen relevant sind, indem auf die beschriebenen sieben Handlungsspielräume Bezug genommen wird.

Des Weiteren können die einzelnen Lebenslagebereiche als Grundlage zur Formulierung und Ordnung von Indikatoren zur Erfassung des Status quo und möglicher Veränderungen im Quartier genutzt werden.

Kritische Würdigung des Lebenslagekonzeptes

Ungeachtet der oben beschriebenen Bedeutsamkeit des Lebenslageansatzes zur Quartiersarbeit sind folgende Einschränkungen zu beachten. Die von Naegele beschriebenen sieben Dimensionen von Handlungsspielräumen sind sowohl analytisch als auch praktisch nicht trennscharf voneinander abzugrenzen. Sie verweisen zwar auf wichtige Bereiche eines selbstbestimmten Lebens im Alter, decken aber wahrscheinlich nicht alle Felder vollständig ab. Außerdem ist das Zusammenspiel zwischen den vorgefundenen Gestaltungsmöglichkeiten und den Handlungskompetenzen des Einzelnen nicht näher beschrieben. Offen bleibt zum Beispiel, was den Ausschlag gibt, ob bestehende Gestaltungsmöglichkeiten erkannt und genutzt werden..

Den Text zum Lebenslagenansatz können Sie hier herunterladen.


  • Clemens, W. (2004). Lebenslage und Lebensführung im Alter – zwei Seiten einer Medaille? In Backes, G.M. et al. (Hrsg.), Lebensformen und Lebensführung im Alter (S. 43-58). Wiesbaden: VS Verlag.

  • Naegele, G. (1998). Lebenslagen älterer Menschen. In Kruse, A. (Hrsg.), Psychosoziale Gerontologie. Bd. 1 Grundlagen (S. 106-128). Göttingen: Hogrefe.