Autor und Autorin: Prof. Dr. Jan Friedemann und Prof. Dr. Monika Burmester

Warum im Kontext von inklusiver Quartiersarbeit nicht von Renditen im klassisch-ökonomischen Sinne die Rede sein kann

Rendite und Quartier I – eine ökonomische Fehlanzeige

Immer öfter werden professionelle Akteure im Quartier mit der Frage konfrontiert, was ihre Maßnahmen denn ‚einbringen‘. Gemeint ist hiermit nicht nur eine positive Veränderung im fachlichen Sinne. Es geht um einen möglichst genau zu nennenden  Geldbetrag, den sich z. B. eine Kommune Y an Ausgaben in der Zukunft erspart, wenn sie mit dem Betrag X eine aktuelle Maßnahme im Quartier fördert. Seit Beginn des Jahrtausends, d. h. im Zuge der voran schreitenden Ökonomisierung des Sozialwesens, haben sich hierfür Begriffe wie Sozialrendite oder Präventionsrendite bei der Beurteilung von Maßnahmen in der Politik und bei den Akteuren eingebürgert.

Welche Rendite wirft ein aus öffentlichen Haushalten für das inklusive Quartier verausgabter Euro denn nun ab? Die strenge ökonomische Antwort ist genauso eindeutig wie ernüchternd: gar keine

Wie lässt sich das begründen, wo doch allenthalben von Renditen sozialer Interventionen gesprochen wird? Der Irrtum liegt darin begründet, dass Sozialausgaben in Investitionen umgedeutet werden. Was aber macht eine Ausgabe zu einer Investition? Ob es sich beim Kauf eines Autos bspw. um eine Konsumausgabe handelt oder um eine Investition, hängt davon ab, wofür das Auto eingesetzt wird. Das Auto des Pflegedienstes ist eine Investition, weil es eine für das Geschäft des Pflegedienstes notwendige Ausgabe darstellt. Die Verfügbarkeit des Autos (der Investition) ist die Grundlage dafür, dass der Pflegedienst zu den Patienten und Patientinnen fahren kann, um seine eigentliche Leistung zu erbringen (Pflege). Hierfür erzielt die Einrichtung Einnahmen, die in der Höhe über das vorgeschossene Kapital – zudem auch der anteilige Wert des Autos zählt – hinausgeht. Dies ist das klassische (ökonomische) Verständnis von Investitionen: Das von einem Investor vorgeschossene Kapital (Betrag X) soll über eine bestimmte Anzahl von Jahren zu Einnahmen führen, die in der Summe über den Kapitalvorschuss hinausgehen. Wird dieser Differenzbetrag auf das eingesetzte Kapital bezogen, so spricht man von Rendite.

Eine Quartiersmaßnahme könnte nach dem ökonomischen Verständnis dann nur als Investition betrachtet werden, wenn die dafür notwendigen Ausgaben zu einem finanziellen Rückfluss an den Investor führten, der in der Höhe diese Investitionsausgaben übersteigt. Wäre das möglich, dann würden private Investoren zur Finanzierung von Quartiersmaßnahmen sicher Schlange stehen. Tatsächlich investieren renditeorientierte Investoren aber lieber in Immobilien im Quartier. Die Mieteinnahmen garantieren ihnen einen finanziellen Rückfluss, der sich u. U. sogar bis auf das Komma genau ausrechnen lässt.

Bei öffentlichen Ausgaben handelt es sich mehrheitlich um Konsumausgaben, also um Verbrauchsausgaben, die den Gegenpol zu den Investitionsausgaben darstellen. Nun hat es in den letzten Jahren eine Entwicklung dahingehend gegeben, dass Kommunen Leistungen nicht mehr selber erbringen, sondern sie von Privaten erbringen lassen. Ein Beispiel ist die Straßenreinigung, es gilt aber ebenso für private Pflegedienste, Kitas usw. Sobald Private die Leistungen erbringen, kalkulieren sie mit einer Rendite, die verdient werden muss. Grundlage für die Rendite (also für die Einnahmen) sind die konsumtiven öffentlichen Ausgaben.

Hier wird ein Problem deutlich, das auch im Sozialbereich zum Tragen kommt: Die Etablierung von Märkten für kommunale Leistungen ggf. gepaart mit einer effizienzorientierten Ausschreibungspraxis nimmt den kommunalen Ausgaben nicht ihre Eigenschaft öffentlicher (konsumtiver) Ausgaben. Der durch die kommunale Vergabepraxis künstlich geschaffene Straßenreinigungsmarkt ist kein klassischer Markt wie z. B. der Automarkt, auf dem Autokonzerne mit ihrem Renditeinteresse um die autonome Kaufentscheidung von Nachfragern (Konsumenten oder Unternehmen) konkurrieren. Anders ausgedrückt: Im Unterschied zum klassischen Markt gibt es zur Reinigung von öffentlichen Straßen keine private zahlungsfähige Nachfrage. In der Konsequenz gibt es – jenseits der staatlichen Nachfrage – auch kein Marktangebot, das an einer privaten Nachfrage verdienen will oder kann. Das hat zur Folge, dass der in einer Marktwirtschaft als Bewertungsmaßstab für Leistungen gültige Marktpreis für solche Güter nicht existiert und die Leistungen üblicherweise als zu teuer gelten. Das beginnt bei der Straßenreinigung und hört bei der Pflege auf

Rendite und Quartier II – ein nützliches Rechtfertigungsinstrument

Warum redet die Fachwelt seit der Jahrtausendwende dennoch fortwährend von Sozialrenditen?

Der Grund ist weniger in der Erschließung neuer, privater Anlagesphären durch Investoren als in einem geänderten Grundverständnis der kommunalen und sozialstaatlichen Fürsorge zu sehen. Öffentliche Ausgaben werden zunehmend unter dem Gesichtspunkt der Effektivität und Effizienz betrachtet. Bezahlt werden soll möglichst nur noch, was nachweislich eine Wirkung hat.

Hier setzt das Konzept der Sozialrendite an: Die Rendite errechnet sich aus einem Verhältnis der Ausgaben für eine Maßnahme, die als Investition bezeichnet wird und dem erwarteten gesellschaftlichen Nutzen. Dieser gesellschaftliche Nutzen ist in Euro und Cent auszudrücken, um eine Rendite berechnen zu können. Hierzu werden auch für die Zukunft erwartete geringere öffentliche Ausgaben (z.B. geringere Gesundheitskosten) oder Mehreinnahmen (z. B. Steuern und Sozialbeiträger aufgrund von Erwerbsintegration) gezählt. Zu wissen, wie eine solche Rechnung erfolgen kann, ist für Akteure im Quartier wichtig und kann z. B. für die Begründung in einem Antrag sehr nützlich und zielführend sein.

Was kann in die Berechnung einer Sozialrendite für altengerechte Quartiersarbeit eingehen? Jeder Euro, der im Quartier in altengerechte Inklusionsprojekte fließt,

  • entlastet die Kommune in Zukunft bei der Hilfe zur Pflege, weil teure stationäre Unterbringung zeitlich hinausgezögert oder gänzlich vermieden werden kann,
  • reduziert die Gesundheitskosten, weil sich mehr und stabilere Sozialkontakte positiv auf die Gesundheit auswirken,
  • senkt die Investitionsausgaben für kommunale stationäre Pflegeeinrichtungen im Quartier. 

Die hier aufgelisteten hypothetischen finanziellen Entlastungen sind für die Ermittlung einer Rendite in Geldeinheiten auszudrücken. Im Resultat ergeben sich dann rechnerische Größen, die als Social Return on Investment (SROI) bezeichnet werden. Einen verbindlichen Standard für deren Ermittlung gibt es nicht. 

Aus fachlicher Sicht bleibt es sehr wichtig, die Grenzen dieses Konzeptes zu erkennen. Das heißt, sich in unserem Beispiel zu fragen, was Ältere im Quartier für ihre Lebenslagen benötigen, ohne diese Bedarfe unmittelbar an möglichen Ersparnissen z. B. für eine stationäre Unterbringung zu messen. Des Weiteren sollte man bei der Anwendung solcher Rechnungsweisen das kritische Bewusstsein dafür schärfen, dass man sich auf sehr ‚dünnes Eis‘ begibt. Schließlich wird ohne Vorbehalt ein fiktiver Gewinnmaßstab an die Quartiersarbeit herangetragen und auf diese Art und Weise die fachliche Arbeit gerechtfertigt. Aber was passiert, wenn jemand in der gleichen Logik und methodisch korrekt vorrechnet, dass die Investition in eine moderne, vollautomatisierte Pflegestation einen höheren SROI abwirft? Erübrigen sich damit sämtliche Ausgaben für altengerechte und inklusive Quartiersarbeit?


Wie geht es weiter?

Der Reflexionstext zur Rendite und Quartier steht Ihnen als Download zur Verfügung.

Wenn Sie sich mit realistischen Evaluationsverfahren in der Quartiersentwicklung auseinandersetzen möchten, können Sie unter Evaluationsverfahren Anregungen finden.

Für das allgemeine Vorgehen einer wirkungsorientierten Selbstevaluation, das sich insbesondere für kleinere Evaluationsvorhaben im Quartier empfiehlt, können Sie das Tutorial nutzen.


Quellenangaben und weiterführende Literatur

Ballweg, T. & Lehmann, R. (2012). Soziale Arbeit zahlt sich aus: der Social Return on Investment einer stationären Einrichtung der Wohnungslosenhilfe. In NDV Nachrichtedienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V., Nr. 10/2012, 92. Jahrgang, S. 474-478.

Halfar, B. & Lehmann, R. (2012). Soziale Arbeit mit Rendite. In Agora: Magazin der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Bd. 28 (2012) Heft 2. - S. 20-21. ISSN 0177-9265