Autor/-in: Stephanie Funk & Dieter Zisenis

Was wirkt im Quartier?

Einführung des WINQuartier-Mehrebenenmodells zur Beschreibung von Wirkung und Nutzen inklusiver Quartiersentwicklung

Inklusive Quartiersentwicklung geht von folgenden Prämissen aus:

Im Quartier entscheidet sich, ob ein selbstbestimmtes Leben in Versorgungssicherheit möglich ist. Insbesondere für Ältere, Hochaltrige und Personen mit besonderem Pflege- und Unterstützungsbedarf ist das unmittelbare Wohnumfeld und seine Gestaltung von Bedeutung.

Quartiere stehen in einem kommunalen und regionalen Kontext und Wirkungszusammenhang. Sie sind eingebunden in gesellschaftliche, materielle und rechtliche Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Diskurse (z. B. um sich wandelnde Altersbilder und – vermeintliche – Grenzen sozialstaatlicher Versorgung und/oder Selbstsorgeverpflichtungen) und sind durch ständige Veränderungsprozesse gekennzeichnet. Maßnahmen zur Quartiersentwicklung finden daher in einem sehr komplexen Feld statt. Veränderungen im Quartier sind auf eine Vielzahl von Faktoren zurückzuführen, die auf unterschiedlichen Ebenen zu finden sind und nicht unmittelbar im Quartier bzw. durch Maßnahmen der Quartiersentwicklung beeinflusst werden können.

Es geht nicht nur um das Angebot an personenbezogenen Sozialen Dienstleistungen, sondern in gleicher Weise um Infrastrukturmaßnahmen und Gestaltung von Rahmenbedingungen (z. B. Nahversorgung, Mobilität, altengerechtes Wohnungsangebot, etc.) und die Ermöglichung gesellschaftlicher Teilhabe und die Entwicklung sozialer Netze sowie um die Befähigung der Einzelnen zur aktiven Aneignung des unmittelbaren Wohnumfeldes, um vor dem Hintergrund persönlicher Präferenzen, Kompetenzen und Ressourcen weitestgehende Entscheidungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume zu eröffnen.

Es können nicht alle wesentlichen Aspekte für ein selbstbestimmtes Leben und Versorgungssicherheit unmittelbar durch gezielte Maßnahmen der Quartiersentwicklung beeinflusst werden. Allenfalls können die Auswirkungen dieser Aspekte (z. B. Altersarmut, Leistungsrecht und Regelwerke der sozialen Sicherungssysteme) bei der Planung von Interventionen und Maßnahmen auf Quartiersebene Berücksichtigung finden.

Davon ausgehend haben wir ein Mehrebenenmodell entwickelt, das keine determinierende Hierarchie beschreibt, sondern im Sinne wechselseitiger Einflussnahme und Wirkungszusammenhänge vier unterschiedliche Einfluss- und Wirkungsebenen benennt.

Metaebene
Gesetzliche und politische Rahmenbedingungen sowie gesellschaftliche Diskurse und Leitbilder

Makroebene
Kommunen- und regionsspezifische Ausgangslagen

Mesoebene
Strukturen und Akteure im Quartier

Mikroebene
Perspektive der Zielgruppe (Wohnwünsche, -bedürfnisse, Anforderungen an den unmittelbaren Nahraum)

Diese vier Ebenen beschreiben, in welchem Kontext Wirkungen und Nutzen inklusiver Quartiersentwicklung entstehen und verdeutlichen, dass wechselseitige Einflussnahmen sowie Wirkungszusammenhänge vorhanden sind. Folglich sind Wirkungen wie auch Nutzen inklusiver Quartiersentwicklung nicht allein das Produkt von (verschiedenen) Maßnahmen im Quartier. Entsprechend braucht es das Bewusstsein der Gestalter/-innen quartiersbezogener Ansätze und Akteure im Quartier für (nicht unwesentliche) Einflussgrößen auf anderen Ebenen. Nur wenn diese Aspekte, wie beispielsweise die finanzielle Lage der Zielgruppe (beeinflusst durch u.a. Mietpreise, Lebenshaltungskosten und das Rentenniveau), mit berücksichtigt werden, können entsprechende Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenslage entwickelt und umgesetzt werden.

Mit dem Bezug auf „Sozialraumorientierung“ wird das Mehrebenenmodell (Abbildung unten) dahingehend genutzt, dass Wirkungen und Nutzen auf der Mikro- d. h. der Personenebene als auch auf der Mesoebene d. h. der sozialräumlichen Ebene einschließlich der Ebene der im Quartier handelnden Akteure und Institutionen betrachtet werden.



Mit der Entscheidung für dieses Mehrebenenmodell ist auch eine weitere Fokussierung verbunden. Das Instrumentarium zur wirkungsorientierten Selbstevaluation dient den „Akteuren“ von Quartiersentwicklungsprozessen für die

  • Planung und Steuerung von Quartierentwicklungsprozessen in unterschiedlichen Kontexten (insbesondere solche Quartiersentwicklungsprozesse, die informelle und formelle Systeme im Hinblick auf Partizipation, Prävention, Gesundheitsförderung, Medizin und Pflege vernetzen),
  • Selbstevaluation durch die verantwortlichen Akteure in Quartiersentwicklungsprozessen, inkl. der Partizipation von weiteren Stakeholdern und den Nutzerinnen und Nutzern in den Quartieren,
  • Dokumentation und begründete und nachvollziehbare Darstellung von Wirkungen und Nutzen der Arbeit in Quartiersentwicklungsprojekten gegenüber Entscheidern und Finanziers,
  • Professionalisierung der Mitarbeitenden und Träger im Arbeitsfeld Quartiersentwicklung.

Vor diesem Hintergrund sind deshalb die jeweiligen „Akteure“ und ihre Einbindung in ihre jeweiligen organisationalen und institutionellen Kontexte und den damit einhergehenden Systemlogiken differenziert zu betrachten. Die Fokussierung bezieht sich darüber hinaus auf die jeweils erreichbaren Interventionsfelder, d.h. auf welcher der vier Ebenen können die jeweiligen Akteure agieren? 

Bezugspunkte für die Entwicklung des Instrumentariums zur Ermittlung der Wirkungen und des Nutzens inklusiver Quartiersentwicklung sind deshalb im Projekt WINQuartier nur die Mikro- und die Mesoebene.

Dabei wird allerdings davon ausgegangen, dass ein einzelnes Quartier nicht alle notwendigen Ressourcen und Potenziale bereit halten kann und mindestens auf entsprechende Ressourcen und Potenziale der Makroebene zurückgegriffen werden muss (und kann). Gleichzeitig macht es einen Unterschied, ob die Akteure auf der kommunalen oder Kreisebene oder bei einer lokalen Mitgliedseinrichtung der Freien Wohlfahrtspflege oder einem regionalen Wohlfahrtsverband angesiedelt sind und ob und in welcher Weise Akteursnetzwerke initiiert und genutzt werden. Aus dieser Fokussierung ergibt sich eine Beschränkung potentieller Handlungsfelder, wie sie auch in den unterschiedlichen Konzepten und Modellen vorliegen. Daneben ist bei der Rekonstruktion von Wirkungsmechanismen (Wirkungsketten oder Wirkungsmodellen) als Hintergrundfolie immer eine Wechselbeziehung aller vier Ebenen in Betracht zu ziehen.


Wie geht's weiter?

Den Text zum WINQuartier-Mehrebenenmodell steht als Download zur Verfügung.

Wir empfehlen für die weitere Arbeit mit dem Internetportal WINQuartier das Tutorial zur wirkungsorientierten Selbstevaluation, welches Sie Schritt für Schritt anleitet, Ihre Quartiersarbeit zu evaluieren.